Reality-Check
June 28, 2017
Krebsforschungsagentur wurde nicht über Glyphosat-Beweise informiert

Originalveröffentlichung: Reuters

Der Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist das verbreitete Unkrautvernichtungsmittel „möglicherweise krebserregend“. Der die Untersuchung leitende Wissenschaftler wusste, dass es neue Daten gab, die keine Verbindung zu Krebs aufzeigten, er erwähnte es jedoch nicht und die Agentur berücksichtigte die Daten nicht.

Von KATE KELLAND | Eingereicht am 14. Juni 2017, 1:05 p.m. GMT

LONDON – Als Aaron Blair Platz nahm, um im März 2015 in Frankreich die einwöchige Tagung von 17 Spezialisten in der Internationalen Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer; IARC) zu leiten, gab es etwas, das er ihnen nicht mitteilte.

Der Epidemiologe des US-amerikanischen National Cancer Institute (Nationales Krebsinstitut) hatte Kenntnis von wichtigen unveröffentlichten wissenschaftlichen Daten, die direkt im Zusammenhang mit einer zentralen Frage standen, die die Internationale Agentur für Krebsforschung berücksichtigen sollte, nämlich ob Forschungen zeigen, dass das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, ein Hauptbestandteil von Monsantos Bestseller RoundUp, Krebs verursacht.

Aus Gerichtsunterlagen eines laufenden US-Rechtsstreits gegen Monsanto, über die zuvor nicht berichtet worden war und die von Reuters nochmals überprüft wurden, geht hervor, dass Blair wusste, dass man in der unveröffentlichten Forschungsarbeit keinen Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebs gefunden hat. In diesem Jahr sagte Blair außerdem in Zusammenhang mit dem Fall unter Eid aus, dass diese Daten die Auswertung der Internationalen Agentur für Krebsforschung verändert hätten. Er sagte, es wäre weniger wahrscheinlich gewesen, dass Glyphosat die Kriterien der Agentur erfüllt hätte, um als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft zu werden.

Jedoch konnte die Internationale Agentur für Krebsforschung, eine halbautonome Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation, die Daten nie berücksichtigen. Gemäß den Vorschriften der Agentur zur Bewertung von Stoffen in Bezug auf Karzinogenität kann sie nur veröffentlichte Forschungsergebnisse berücksichtigen. Diese neuen Daten aus einer großangelegten amerikanischen Studie, bei der Blair als leitender Forscher mitgewirkt hat, waren jedoch nicht veröffentlicht worden.

Diese Nichtveröffentlichung löste sowohl Diskussionen als auch Konflikte aus. Ein führender amerikanischer Epidemiologe und ein führender britischer Statistiker – beide unabhängig von Monsanto – erklärten Reuters gegenüber, dass die Daten tragfähig und relevant seien und dass sie keinen Grund sehen, warum die Daten nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangt sind.

Zu Reuters sagte Monsanto, dass es möglich gewesen wäre, die neuen Daten über Glyphosat rechtzeitig zu veröffentlichen, damit diese von der Internationalen Agentur für Krebsforschung hätten berücksichtigt werden können. Die unterlassene Veröffentlichung würde die Glyphosat-Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung untergraben. Der Rechtstreit gegen Monsanto findet in Kalifornien statt und vereint 184 Kläger, die sich auf die Bewertung der Internationalen Agentur für Krebsforschung berufen und behaupten, sie wären aufgrund ihres Kontaktes mit RoundUp an Krebs erkrankt. Sie behaupten, Monsanto hat es versäumt, Verbraucher über die Risiken zu informieren. Monsanto streitet die Behauptungen ab.

Das Unternehmen beschränkt sich jedoch nicht darauf nur zu sagen, dass die neuen Daten hätten veröffentlicht werden sollen. Reuters gegenüber sagte es, dass die Daten vorsätzlich von Blair geheim gehalten wurden, bot jedoch keine konkreten Beweise dafür.

Blair sagte Reuters gegenüber, dass die Daten, die zwei Jahre bevor die Internationale Agentur für Krebsforschung Glyphosat untersuchte verfügbar waren, nicht rechtzeitig veröffentlicht wurden, weil schon zu viel in der wissenschaftlichen Arbeit untergebracht werden sollte. Als er gefragt wurde, ob er die Forschungsergebnisse vorsätzlich nicht veröffentlicht hat, um zu verhindern, dass diese von der Internationalen Agentur für Krebsforschung berücksichtigt werden, sagt er: „auf keinen Fall“. Er sagte, dass die Entscheidung, die Glyphosat-Daten nicht zu veröffentlichen, „mehrere Monate“ bevor die Internationale Agentur für Krebsforschung entschied, eine Überprüfung der Chemikalie vorzunehmen, getroffen wurde.

Auch das National Cancer Institute gab „Platzmangel“ als Grund dafür an, dass die neuen Daten über Glyphosat nicht veröffentlicht wurden.

Das Fehlen der Daten bei der Überprüfung durch die Internationale Agentur für Krebsforschung war bedeutend. Die Internationale Agentur für Krebsforschung beendete ihre Tagung 2015 mit der Schlussfolgerung, dass Glyphosat „für den Menschen vermutlich krebserregend“ ist. Sie basierte ihre Erkenntnis auf „eingeschränkte Hinweise“ auf Karzinogenität beim Menschen und „ausreichend Hinweise“ bei Versuchstieren. Sie sagte unter anderem, dass es eine positive Assoziation zwischen Glyphosat und Non-Hodgkin-Lymphom-Blutkrebs gäbe. Zu Reuters sagte die Internationale Agentur für Krebsforschung, dass sie trotz neuer Daten über Glyphosat an ihren Erkenntnissen festhält.

Die Bewertung der Agentur steht im Widerspruch zu anderen internationalen Regulierungsbehörden, denen zufolge das Unkrautvernichtungsmittel kein Krebsrisiko beim Menschen darstellt. In Europa führte das zu einer Verzögerung einer Entscheidung darüber, ob EU-weite Verkäufe glyphosathaltiger Pestizide erneut zugelassen oder verboten werden sollen. Die Entscheidung steht immer noch aus. In der Zwischenzeit sind in einigen Ländern die Anwendungseinschränkungen des Unkrautvernichtungsmittels für Privatgärten und öffentliche Plätze sowie für Anbaukulturen vor der Ernte verschärft worden.

In den Vereinigten Staaten hat ein Richter des Staates Kalifornien die Bewertung der Internationalen Agentur für Krebsforschung im März in einem weiteren Rechtsfall berücksichtigt und entschieden, dass der Staat verlangen kann, dass RoundUp mit einem Warnhinweis versehen wird, der darauf hinweist, dass es krebserregend sein könnte. Monsanto sieht sich nun weiteren Rechtsstreitigkeiten mit Hunderten von Klägern aus den USA gegenüber, die sagen, dass sie oder ihre Angehörigen aufgrund von Glyphosat an Non-Hodgkin-Lymphomen erkrankten und die Bewertung der Internationalen Agentur für Krebsforschung im Rahmen ihrer Schadensfälle zitieren.

Wären die Experten des Gremiums jedoch in der Lage gewesen, Blairs neue Daten zu berücksichtigen, wäre die Bewertung der Nachweise zu Glyphosat anders ausgefallen – so Blair in den von Reuters erneut überprüften Gerichtsunterlagen.

Die unveröffentlichten Forschungsergebnisse stammen aus der Agricultural Health Study (Studie über die landwirtschaftliche Gesundheit), einer großangelegten und bedeutenden Studie über Landarbeiter und ihre Familien, die von Wissenschaftlern des amerikanischen National Cancer Institute geleitet wurde. Im März von Monsanto-Anwälten befragt, ob die unveröffentlichten Daten „keine Hinweise auf einen Zusammenhang“ zwischen dem Kontakt mit Glyphosat und Non-Hodgkin-Lymphomen zeigten, antwortete Blair: „korrekt“.

In derselben Anhörung befragt, ob die Überprüfung von Glyphosat durch die IARC anders ausgefallen wäre, wenn die fehlenden Daten berücksichtigt worden wären, sagte Blair erneut: „korrekt“. Anwälte behaupteten ihm gegenüber, dass die Hinzufügung der fehlenden Daten „das Meta-Risiko gesenkt hätte“ und Blair stimmte dem zu.

Scott Partridge, stellvertretender Leiter der Strategieabteilung bei Monsanto sagt zu Reuters, die IARC-Untersuchung „vernachlässigte mehrere Jahre zusätzlicher Daten aus der größten und umfassendsten Studie über die Exposition von Landwirten gegenüber Pestiziden und Krebs“.

Die Agricultural Health Study war besonders relevant, sagte er, da sie die tatsächliche Exposition von Menschen gegenüber der Chemikalie untersucht habe, während viele der von der Internationalen Agentur für Krebsforschung analysierten wissenschaftlichen Untersuchungen Laborexperimente mit Nagetieren umfassten.

Die Internationale Agentur für Krebsforschung sagte Reuters gegenüber, dass die Evaluierungen strengen wissenschaftlichen Kriterien folgten und dass ihr System zur Einstufung als krebserzeugend „weltweit anerkannt ist und als Referenz verwendet wird“. Sie erwähnte erneut, dass sie im Interesse der Transparenz nur veröffentlichte Daten berücksichtige.

Reuters bat zwei unabhängige Statistik-Experten, die Daten zu überprüfen, die noch immer nicht veröffentlicht wurden, obwohl das National Cancer Institute Reuters gegenüber sagte, dass Forscher derzeit an einer aktualisierten Analyse der Daten arbeiteten. Keiner der beiden Experten hatte die Daten zuvor gesehen und beide sagten, für sie bestünde keinerlei Interessenkonflikt in Bezug auf Glyphosat.

David Spiegelhalter, Professor für Public Understanding of Risk (Risikoverständnis durch die Öffentlichkeit) der britischen University of Cambridge zufolge, gäbe es „keinen offensichtlichen Grund“ dafür, die Daten nicht zu veröffentlichen. Bob Tarone, ein pensionierter Statistiker, der 28 Jahre lang mit Blair und anderen beim National Cancer Institute gearbeitet hat, bevor er zum gewinnorientierten Internationalen Institut für Epidemiologie gewechselt ist, sagte, er könne „keine offensichtliche Erklärung hinsichtlich der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse“ dafür finden, dass die Daten nicht veröffentlicht wurden.

Tarone hatte das Thema bereits im letztem Jahr in einer wenig beachteten Arbeit im European Journal of Cancer Prevention zur Sprache gebracht. Er schrieb, dass die Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung als für Menschen möglicherweise krebserregend das Ergebnis einer „fehlerhaften und unvollständigen Zusammenfassung“ der Beweise sei.

In einer E-Mail an Reuters lehnte die Internationale Agentur für Krebsforschung es ab, bekannt zu geben, ob Blair die Mitarbeiter der Internationalen Agentur für Krebsforschung über die unveröffentlichten Daten informiert hat, ob er es hätte machen sollen und ob diese Daten die Bewertung der Internationalen Agentur für Krebsforschung von Glyphosat beeinflusst hätten, wären sie rechtzeitig veröffentlicht worden. Die Agentur sagte, sie hätte keine Pläne, die Bewertung der Chemikalie erneut zu überprüfen.

ES STEHEN MILLIONEN AUF DEM SPIEL: Obwohl Glyphosat nicht mehr patentgeschützt ist, erzielt Monsanto immer noch große Erträge aus dem Verkauf von Nutzpflanzen, die gentechnisch verändert wurden, damit sie gegen sein RoundUp Unkrautvernichtungsmittel resistent sind. Oben: Die New Yorker Börse, wo Monsanto Co. gehandelt wird. REUTERS/Brendan McDermid

NICHT-SELEKTIVES HERBIZID

Glyphosat ist ein sogenanntes nicht-selektives Herbizid, d. h. es tötet die meisten Pflanzen. Vom Monsanto-Chemiker John E. Franz 1970 entdeckt, ist Glyphosat nicht mehr patentgeschützt. Es wird von zahlreichen Unternehmen vertrieben und ist das am weitesten verbreitete Unkrautvernichtungsmittel. Es wird in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und in Privatgärten eingesetzt. Monsanto und andere Unternehmen haben gentechnisch veränderte Samen entwickelt, die gegen Glyphosat resistent sind. Somit können Landwirte es auf ganzen Feldern anwenden, ohne Nutzpflanzen zu zerstören.

Die Sicherheit der Chemikalie steht seit den 1980er Jahren unter wissenschaftlicher und regulatorischer Kontrolle. Die US-amerikanische Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency; EPA) und andere internationale Einrichtungen, einschließlich der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde, Health Canadas Regulierungsbehörde für Schädlingsbekämpfungsmittel, Neuseelands Umweltschutzbehörde und Japans Lebensmittelsicherheitskommission, haben sie regelmäßig überprüft und sie alle sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass Glyphosat beim Menschen krebserregend ist.

Wissenschaftlich ist dies jedoch umstritten und Forscher auf der ganzen Welt untersuchen Glyphosat: Sie analysieren Spuren in Wasser und Nahrungsmitteln, setzen Laborratten der Chemikalie aus und überwachen mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen, die es jahrelang bei ihrer Arbeit benutzt haben.

Eine der größten und höchst angesehenen Studien zur Untersuchung der Auswirkungen der Verwendung von Pestiziden im wirklichen Leben ist die Agricultural Health Study (AHS), eine prospektive Untersuchung von etwa 89.000 Landarbeitern, Landwirten und deren Familien in den US-Bundesstaaten Iowa und North Carolina. Seit den frühen 1990er Jahren wurden im Rahmen dieser Studie detaillierte Informationen über die Gesundheit der Teilnehmer und ihrer Familien und die Verwendung von Pestiziden, einschließlich Glyphosat, erhoben und analysiert.

AHS-Forscher haben zahlreiche Studien aus ihren Daten veröffentlicht. Eine dieser Studien, welche sich Glyphosat und dessen möglichen Verbindungen mit Krebs widmete, wurde im Jahr 2005 veröffentlicht. Diese kam zu dem Schluss, dass eine „Glyphosat-Exposition insgesamt nicht mit der Inzidenz von Krebs in Verbindung steht“. Seitdem wurden weitere Daten gesammelt, wodurch die statistische Aussagekraft nachfolgender AHS-Analysen gesteigert wurde.

Anfang 2013 begannen Blair und andere Forscher, neue Studien mit aktualisierten AHS-Daten über Lymphome und Pestizide vorzubereiten, darunter auch Daten über Glyphosat. Reuters untersuchte entsprechende Entwürfe aus den Monaten Februar und März 2013 und bat Spiegelhalter und Tarone, diese zu überprüfen. Ihrer Aussage zufolge lagen diese Arbeiten, auch wenn sie noch weiteren Änderungen unterlagen, bereits in weit vorangeschrittener Manuskriptform vor. Der Entwurf enthielt Randnoten und vorgeschlagene Änderungen, die mit „AEB“ unterzeichnet waren, den vollständigen Initialen von Blair.

Nach dem Studium der Entwurfsfassung sagte Tarone, dass die unveröffentlichten Zahlen „absolut keinerlei Beweise“ für ein erhöhtes Risiko für Non-Hodgkin-Lymphome aufgrund der Exposition gegenüber Glyphosat zeigten.

Spiegelhalter teilte Reuters mit: „In den Entwürfen sah ich, dass keines der Herbizide, einschließlich Glyphosat, irgendwelche Beweise für einen Zusammenhang“ mit dem Non-Hodgkin-Lymphom aufwies. Er stellte fest, dass die statistische Aussagekraft der Studie stark genug war, um eine Beziehung bei anderen Pestiziden aufzuweisen; hätte es also irgendeine Verbindung zu Glyphosat gegeben, hätte diese erkannt werden müssen.

In seiner gerichtlichen Aussage beschrieb Blair auch die Agricultural Health Study als „aussagekräftig“ und stimmte zu, dass die Daten keinen Zusammenhang aufwiesen.

Allerdings wurden diese Entwürfe nie veröffentlicht, obwohl Blair den Anwälten von Monsanto im März mitteilte, dass die Agricultural Health Study robust und statistisch gut belegt sei und Reuters sagte, dass die Forschungsarbeit für die Wissenschaft und die Öffentlichkeit von Wichtigkeit sei. Der Schriftwechsel per E-Mail zwischen Blair und seinen Mitforschern im Jahr 2014 zeigt ebenfalls, dass sie sich darüber bewusst waren, dass ein wissenschaftliches und öffentliches Interesse an aktuellen Daten aus der AHS-Studie bestehen würde.

Am 28. Februar 2014 schickte Michael Alavanja, ein Co-Lead-Autor eines der Entwurfspapiere, eine E-Mail an einen anderen AHS-Co-Forscher und kopierte die Nachricht an Blair. Darin stellte er fest, dass die Forschung „wichtig für Wissenschaft, öffentliche Gesundheit, IARC und EPA (US-amerikanische Umweltschutzbehörde) sei.

In derselben E-Mail verwies Alavanja auf die Ergebnisse zum Non-Hodgkin-Lymphom, kurz NHL genannt. Er schrieb: „Es wäre unverantwortlich, wenn wir nicht um die rechtzeitige Veröffentlichung unseres NHL-Manuskripts bemüht wären, um die Entscheidung der IARC (sic) zu beeinflussen“.

Doch bislang sind die neuen AHS-Daten über Glyphosat und Lymphome nicht aufgetaucht.

Stattdessen erschien in einem Journal namens PLoS One im Oktober 2014 eine überarbeitete Version eines der von Blair und anderen Forschern erstellten Entwürfe von 2013. Darin waren keine Daten über Herbizide enthalten, zu denen auch Glyphosat gehört.

Das war ungewöhnlich. Seit 2003 haben AHS-Forscher mindestens 10 Papiere mit verschiedenen Sätzen aktualisierter Daten veröffentlicht, um mögliche Verbindungen zwischen Pestiziden und spezifischen Krankheiten zu erforschen. Und jede dieser Arbeiten schloss alle vier Pestizidklassen ein: Fungizide, Begasungsmittel, Insektizide und Herbizide.

Alavanja war einer der Autoren der Arbeit, die 2014 in dem Journal PLoS One veröffentlicht wurde. Er sagte, er und andere Autoren und leitende Wissenschaftler am National Cancer Institute hätten insbesondere wegen der „Frage der statistischen Aussagekraft und der Notwendigkeit für eine umfassende Bewertung von Glyphosat und alle Krebsarten beschlossen, Herbizide aus dieser Analyse herauszunehmen“.

Blair hingegen sagte Reuters gegenüber, die Daten über Herbizide, einschließlich Glyphosat, seien entfernt worden, „um den Umfang der Abhandlung überschaubarer zu machen“. Ähnlich äußerte er sich auch gegenüber dem von Monsanto beauftragten Anwalt, der wiederholt in der gesetzlichen Anhörung fragte, warum die Daten nicht veröffentlicht wurden. Blair bestätigte, dass das Papier „zahlreichen Änderungen unterzogen wurde“. Er sagte, er könne sich nicht erinnern, wann die Glyphosat-Daten entfernt wurden, erklärte aber: „Wir beschlossen, es zu entfernen, weil … man nicht alles in einem Papier hätte unterbringen können.“

Monsanto argumentiert, dass die Daten nicht veröffentlicht wurden, weil sie keinen Zusammenhang zwischen Glyphosat und Non-Hodgkin-Lymphom zeigten.

Tarone sagte, dass das Fehlen von Herbizid-Daten in dem 2014 veröffentlichten Papier „unerklärlich“ sei und bemerkte, dass das Volumen der Daten in den zuvor veröffentlichten Papieren kein Problem gewesen sei. Er sagte, dass aktualisierte AHS-Daten und Analysen über Herbizide „so bald wie möglich veröffentlicht werden sollten“, um „eine umfassendere Bewertung der möglichen Beziehung zwischen Glyphosat-Exposition und NHL-Risiko beim Menschen zu ermöglichen“.

Reuters fragte neun weitere Wissenschaftler, die als Autoren auf den beiden Entwurfspapieren von 2013 aufgeführt wurden, warum diese Entwürfe nie veröffentlicht worden sind. Einige standen für einen Kommentar nicht zur Verfügung, andere verwiesen bezüglich der Fragen an Laura Beane Freeman, die Co-Autorin beim Entwurf der Papiere und der 2014 in der PLoS veröffentlichten Studie war und leitende Prüfärztin des National Cancer Institute in der Agricultural Health-Studie ist.

In einer E-Mail an Reuters teilen Freeman und ein Sprecher des Instituts mit: „Nach Durchsicht der frühen Entwürfe des Manuskripts wurde klar, dass es unmöglich wäre, eine gründliche Bewertung aller großen Pestizid-Gruppierungen aufgrund der schieren Menge an Informationen, die enthalten sein müssten, durchzuführen“.

Sie sagten, die Entscheidung, die Ergebnisse für Herbizide, einschließlich Glyphosat, abzutrennen, habe es den Wissenschaftlern ermöglicht, „gründlichere Auswertungen“ der verbleibenden Pestizide zu präsentieren. Eine aktualisierte Studie über Glyphosat sei auf dem Weg, so Freeman.

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KULTURKONFLIKT

Trotz der bescheidenen Größe und des Budgets von IARC erwecken Monographien – Einschätzungen, ob etwas die Ursache für Krebs ist – oftmals die Aufmerksamkeit politischer Entscheidungsträger und der Öffentlichkeit. Die jüngsten IARC-Monographien enthalten Erklärungen, dass rotes Fleisch krebserregend sei und in einer Reihe mit Arsen und dem Rauchen eingestuft werden sollte, und dass Kaffee, den IARC zuvor als möglicherweise krebsverursachend eingestuft hatte, wahrscheinlich nicht krebserregend sei.

Die Agentur verwendet im Gegensatz zu vielen anderen Regulierungsbehörden auf zweierlei Weise einen anderen Ansatz. Erstens sagt sie, dass sie die „Gefahr“ beurteilt – die Stärke der Beweise, ob ein Stoff oder eine Aktivität Krebs in irgendeiner Weise verursachen kann, sei es in einem Laborversuch oder anderswo. Sie beurteilt nicht das „Risiko“ oder die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person Krebs aus der täglichen Exposition zu etwas bekommt. Zweitens berücksichtigt sie im Allgemeinen nur Forschungsergebnisse, die in anerkannten wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden.

Die IARC berücksichtigte rund 1.000 veröffentlichte Studien bei ihrer Bewertung von Glyphosat. Aber nur eine Handvoll davon waren Kohortenstudien bei Menschen, wie die Agricultural Health Study, die am relevantesten für Untersuchungen unter realen Bedingungen, wie zum Beispiel an Menschen, die in der Landwirtschaft mit Glyphosat arbeiten, sind.

Die unterschiedlichen Einschätzungen von Glyphosat durch IARC und andere Behörden haben auf beiden Seiten des Atlantiks zu Auseinandersetzungen geführt. In den Vereinigten Staaten haben Mitglieder des Kongresses Untersuchungen der Finanzierung der IARC durch den amerikanischen Steuerzahler eingeleitet. Bislang ohne Ergebnisse.

In Europa konzentriert sich die Schlacht auf die drohende Entscheidung, ob Glyphosat für den Einsatz in der Europäischen Union neu zu lizenzieren ist. Die Europäische Kommission hat die EU-Mitgliedsstaaten aufgefordert, bis Ende 2017 zu einer Entscheidung zu kommen. Politiker müssen die Meinungen der IARC und anderer wissenschaftlicher Gremien abwägen, wenn sie entscheiden, ob sie einen Vorschlag der Kommission, die Zulassung für den Verkauf von Glyphosat um zehn Jahre zu verlängern, akzeptieren sollen.

Es bleibt unklar, ob die AHS-Daten rechtzeitig ans Licht kommen werden. Blair sagte, er sei der Meinung, eine Veröffentlichung der Glyphosat-Daten sei wichtig und dass seine ehemaligen Kollegen am Nationalen Krebsinstitut daran arbeiteten. Freeman vom Nationalen Krebsinstitut sagte, ihr Team arbeite derzeit „an einem Manuskriptentwurf zu diesem Thema“. Sie sagte, die neue Studie werde „die Auswirkungen der Glyphosat-Exposition weiterreichend als eine Publikation, die mehrere Pestizide umfasst“, erforschen und sie habe die Hoffnung, dass diese „in den kommenden Monaten an ein Fachjournal übermittelt“ werden könne.

Alavanja sagte, dass ein Entwurfspapier „noch in diesem Jahr für die Einreichung an eine entsprechende wissenschaftliche Zeitschrift zur Verfügung stehen sollte“, dass aber ein Veröffentlichungsdatum „sehr schwierig vorherzusagen“ sei.

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